Liebe Karoline, wie war Weihnachten?
Weihnachten oder besser gesagt, in der Zeit vor Weihnachten hatten wir Kinder immer viel zu lachen. Ich bin auf der Rosalia aufgewachsen und ich erinnere mich, dass dort in meiner Kindheit immer viel Schnee lag. Wir Kinder hatten damals schwere Lederschultaschen und mein Vater wunderte sich immer, warum diese so zerschunden waren. Na ja, heute fast 90 Jahre später kann ich darüber schmunzeln, denn wir nutzten unsere Schultaschen als Schlitten und rutschten mit ihnen bis zu unserer Schule ins Tal.
Wir waren keine reiche Familie und das Geld, das mein Vater mit seinem Handwerk verdiente, reichte gerade so aus. Jedes von uns Kindern hatte ein paar Schuhe und eine Kleiderschürze. In den warmen Monaten pflanzte meine Mutter Gemüse an und brachte es in einem Korb am Rücken auf den Markt nach Wiener Neustadt. Kurzum, wir hatten es nicht leicht und wir hatten wenig zu essen.
Nach meinem Schulabschluss kam ich 1941 zu einer wohlhabenden Familie nach Sauerbrunn. Dort war ich Dienstmädchen und musste putzen, kochen und auch auf die Kinder aufpassen. 1942 kam der Befehl, dass jede Familie eine Person stellen musste zum „Schützengräben ausheben“ (man nannte dies „Pflichtjahr“). So wurde ich, ein sehr dünnes und zierliches Mädchen, stellvertretend für die Familie für die ich arbeitete, zum Pflichtjahr auserwählt. Zu Fuß ging es für mich nach Loipersbach und dort musste ich tagelang graben. Ich erinnere mich noch heute an die schwere und kräftezehrende Arbeit mit Krampen und Schaufel. Wir froren an Händen und Füßen. Jedoch viel mehr in Erinnerung habe ich das Weihnachtsfest im selbigen Jahr.
Da zu Weihnachten die Grabarbeiten in Schattendorf eingestellt wurden, musste ich wieder bei der Familie in Sauerbrunn arbeiten. Großzügigerweise gaben sie mir am Heiligen Abend bereits um 12 Uhr frei und ich trat den Fußmarsch nach Neustift an der Rosalia an. Es war ein besonders kalter und schneereicher Weihnachtstag, doch die Freude, bald bei meiner Familie zu sein und gemeinsam den Heiligen Abend zu verbringen, spornte mich an. Mit großen Schritten stapfte ich durch den dicht verschneiten Wald. Bei einer Abbiegung wählte ich den falschen Weg, statt links bog ich rechts ab, und plötzlich wusste ich nicht mehr, wo ich war. Unzählige Male war ich schon den Weg von Sauerbrunn bis hinauf auf die Rosalia gegangen, doch gerade heute, am Heiligen Abend, wusste ich nicht, wo ich war. Den Tränen nah, traf ich einen alten Mann. Ein kleines Mädchen, ganz allein im Wald und das am 24. Dezember. Der Mann fragte mich, wo ich denn hingehen wollte. Als ich ihm „Forchtenau“ sagte, schlug er die Hände zusammen, denn ich war ganz falsch. Ich war im Niederösterreichischen Eichbüchl herausgekommen. Nun musste ich den ganzen langen Weg wieder zurücklaufen. Mir war kalt und es dämmerte bereits. Ich hörte Russische Kampfflieger, wie sie mit ihren Bordwaffen herunterschossen. Als ich dann auch noch bei einer Böschung stürzte, dachte ich, niemals anzukommen. Lediglich das Mondlicht zeigte mir den Weg. Nach unendlichen sieben Stunden kam ich aus dem Wald heraus und sah endlich wieder Häuser, doch ich war erst im Nachbarort Wiesen. Bei einem Haus sah ich Licht. Ich pochte an die Tür und ein älterer Mann öffnete mir. Ich sah wohl sehr verzweifelt aus, zitterte am ganzen Leib. Er bat mich freundlich herein und gab mir heißen Tee und ein Stück Strudel. Ich durfte mich am Ofen aufwärmen und sah der Familie zu, wie sie gerade ihren Weihnachtsbaum schmückten. Ich war in Sicherheit, doch ich wollte nur noch heim. Der Bauer erbarmte sich meiner und holte sein Pferd aus dem Stall. Er spannte es an seinen Schlitten und brachte mich, bei dichtem Schneetreiben, bis nach Hause. Mir kam es wie ein Wunder vor, als ich unser Haus sah und meine Mutter in den Arm nehmen konnte. Auch sie hatte sich unglaubliche Sorgen gemacht und war heilfroh, dass ich endlich wieder zu Hause war. Was folgte, war ein ganz besonderes Weihnachtsfest. „Stille Nacht“ hat noch nie so schön geklungen, der Weihnachtsbaum war so schön wie nie zuvor und das Gefühl, wie ich damals meine Familie in den Arm genommen habe, dieses Gefühl werde ich niemals vergessen.
Karoline wurde 1928 in Neustift an der Rosalia geboren. Sie wuchs mit ihren sechs Geschwistern in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Karoline ist heute stolze Mutter von zwei Kindern, vier Enkeln und sechs Urenkeln
Lieber Josef, wie war Weihnachten?
Für uns Kinder war Weihnachten das schönste Fest im Jahr mit ganz viel Zusammenhalt. Wir hatten einen Bauernhof mit einem Pferd, zwei Kühen, drei bis vier jungen Stieren und einer, für uns Kinder, übergroß gewachsenen Zuchtsau. Den Hof unseres Bauernhauses dominierte ein großer Taubenkobel, dieser bot einer nicht kleinen Anzahl von Haustauben ein Nachtquartier. Tagsüber waren sie irgendwo im Ort unterwegs. Jeden Tag in der Früh trieben wir unsere Kühe und Stiere aus dem Stall. Die „Halter“ trieben dann unsere Tiere gemeinsam mit den anderen, und dem „Gmoastier“ hinaus aus dem Ort zum Grasen. Am Abend brachten uns die „Halter“ unsere Tiere wieder zurück oder besser gesagt, wussten die Stiere ganz genau wo sie zu Hause waren. Meist war das Tor bereits geöffnet. Wenn nicht, dann warteten sie geduldig vor dem großen Holztor, um wieder in den Hof zu gelangen und in den Stall gelassen zu werden. So gesehen hatten die „Halter“ im Ort eine wichtige Aufgabe, und auch zu Weihnachten spielten sie eine wichtige Rolle, doch dazu komme ich später.
Der Weihnachtstag begann für uns Kinder wie ein normaler Tag im Jahr. Wir ließen unser Vieh raus, halfen beim Füttern der restlichen Tiere und freuten uns darüber, dass schulfrei war. Da an diesem Tag jedoch Fasttag war, fiel das Frühstück aus. Damit unsere Eltern beim Schmücken des Baumes ungestört waren, schickten sie uns zum Fernsehen. Damals gab es in unserem Ort nur drei Häuser, die ein Fernsehgerät hatten. Einer der Besitzer der Flimmerkisten war sehr schlau und geschäftstüchtig. Wollten wir einen Film wie Lassie, dem klugen Collie, oder Fury, dem wilden Mustang sehen, so mussten wir 10 Groschen bezahlen. Rund um den kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher stellte er vier oder fünf Reihen mit je fünf Sesseln hintereinander, und schuf so ein wenig Kinoatmosphäre. Nach dem Fernsehen ging es zu unserer Oma zum Spielen. So verging der Tag wie im Fluge.
Abends zogen wir unser schönstes Gewand an und sahen unserer Mutter zu, wie sie Raum für Raum mit Weihrauch ausräucherte. Natürlich wurden auch der Stall und unsere Tiere dabei nicht vergessen. In manchen Familien im Ort war es an diesem Abend auch Brauch, dass beim Räuchern des Stalls auch mit den Tieren gesprochen wurde. Den Tieren wurde gedankt dafür, dass sie viel Milch oder Eier gaben und dafür gebetet, dass sie immer gesund bleiben mögen.
Und dann hieß es warten, bis das Christkind kommt. Das Christkind war jedes Jahr unsere Nachbarin, die dazu extra ihr weißes Hochzeitskleid anzog. Ihr Gesicht verbarg sie unter einem dichten Schleier, und um nicht erkannt zu werden, sagte sie kein einziges Wort. Ihre Handzeichen und Gesten reichten, damit wir wussten was wir zu tun hatten. Wir sangen gemeinsam Lieder wie „Stille Nacht“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“ und dann wurde auch noch gebetet. So still und heimlich wie das Christkind kam, verschwand es auch wieder. Jedes von uns Kindern bekam ein Geschenk – nichts Großartiges, doch wir freuten uns über jede Kleinigkeit. Falls unser Vater im Winter in der Zuckerfabrik in Bruck Arbeit fand, bekamen wir auch immer eine Tafel Schokolade.
Um Mitternacht ging es dann zur Mette und da kamen die „Hoida“ mit ihren „Kleschn“ ins Spiel. Die Kleschn ist eine Peitsche, bestehend aus einem kurzen Holzstiel, daran einige Eisenringe und danach ein aus vier Lederriemen geflochtener Teil. An dessen Ende wurde der „Gschmoas“, ein dünn geflochtener Bast geknüpft, der das laute Kleschn (Schnalzen) erzeugt. Zum Ersten-, Zweiten– und zum Zusammenläuten kleschten sie durch das Dorf. Zum Evangelium und zur Wandlung wurde geschnalzt und natürlich nach der Mette. Dafür bekamen sie an den nächsten Tagen die „Goaßlschmier“ – einen Löffel Schmalz, andere Naturalien und vielleicht ganz wenig Geld. Leider ist diese Tradition heute verloren gegangen, dennoch erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie ich als kleiner Bub nach der Mette am Kirchenplatz stand und die Hoida mit ihren Kleschn diesen einzigartigen Lärm machten. Auch das war Weihnachten.
Josef wurde 1955 geboren und wuchs mit seinen vier Geschwistern, Herbert, Veronika, Maria und Franz in Winden am See auf. Sein Beruf des Netzleittechnikers führte ihn bis nach Kappstadt oder Singapur. Josef war schon immer sehr an der Geschichte seiner Familie und auch an der seiner Heimat interessiert. Er war nicht nur an der Ortschronik von Winden maßgeblich beteiligt, sondern besitzt heute ein riesiges Archiv von alten Bildern und Ansichten des Orts. Josef ist verheiratet, Vater zweier Söhne und dreifacher Opa.
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